Es gibt alte Familienjuwelen und dann gibt es das Fernsehen. Beide haben viel gemeinsam: Sie funkeln, glitzern und man fragt sich, was sie wohl wert sind. In der letzten Folge von „Bares für Rares“ wurde ein Solitär-Diamantring aus den 70er Jahren zum Highlight auserkoren. Aber was sagt das über uns als Gesellschaft aus, wenn wir unsere Werte an einem Stück Edelmetall mit einem Steinchen obendrauf bemessen? Könnte es sein, dass wir in einer Zeit leben, in der die blanke Oberfläche mehr zählt als der Inhalt?
Ein Ring aus Weißgold – 750er! Da läuft es dem Juwelier das Wasser im Mund zusammen. Aber seien wir ehrlich: Weißgold ist doch nur ein Marketing-Manöver der 1970er, um die Leute glauben zu lassen, sie hätten etwas Revolutionäres gekauft. Ähnlich wie die modernen Diäten, die uns weismachen wollen, Salatblätter seien eine vollwertige Mahlzeit. Es ist also kein Wunder, dass diese modischen Ringe jetzt zurückkommen – in einer Zeit, in der auch Schlaghosen ein Revival erleben. Willkommen im Retro-Paradies!
Jetzt könnte man meinen, solche Familienerbstücke seien von unschätzbarem Wert, sowohl in emotionaler als auch in materieller Hinsicht. Doch was passiert? Es wird ein Zirkus drumherum gebaut: Experten urteilen, Händler bieten, und schließlich kommt das Publikum – aufmerksam und kritisch wie beim Schauen eines Tennisfinales. Dabei sind laut Etikette doch Kontostände das letzte Tabu!
Manchmal frage ich mich, ob solche Sendungen nicht eigentlich versteckte Bildungsmaterialien sind. Sie zeigen den rätselhaften Wert der Warenwirtschaft. Hier ist das Labor, wo die alchemistische Umwandlung von Geschichte und Herkunft in klingende Münze vorgeführt wird. „Hieronymus Fabricius verstaubt auf dem Dachboden? Macht 3.000 Euro! Eine Brosche von einer entfernten Tante? 900 Euro!“ Willkommen im Flohmarkt des kleinen Mannes, wo Geschichte verkauft und Geschichten gekauft werden.
Apropos Geschichte: Irgendwo im Hintergrund läuft das Lied von der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Diamant, ein antiquiertes Buch, eine seltene Vase – alles Mittel zum Zweck, die Zuschauer einzufangen. Glotzt auf diese Raritäten, denn je seltener das Objekt, desto häufiger der Umsatz. Ironisch, dass das Raritätenformat selbst schon so reell ist wie das sprichwörtliche Einhorn.
Und dann die detaillierten Zertifikate der Diamant-Prüflabore – wie Zeugnisse des Vertrauens für die Fraktion der Misstrauischen. Falls jemand fragt, warum es keine Zertifikate für gesunde Menschenverhältnisse gibt: Wahrscheinlich, weil es zu schwer wäre, jemanden zu objektivieren, der fünf liebliche Porzellankatzen auf dem Fernseher stehen hat.
Aber am bezeichnendsten ist vielleicht der Umstand, dass wir diesen modernen Tauschbörsen beiwohnen, wissend, wie wertvoll wir oder unsere Lieben abgesteckt würden. ‚Lupenrein, aber emotional beeinträchtigt’ könnte in den Papieren stehen. Aber wir wissen ja, „Lupenreinheit“ ist sowieso nur eine alte Floskel, heute zählen die D-bis-Z-Skalen. In Beziehungen eher Thematik von A bis Z.
Die Pointe der Sendung – und vielleicht der Gesellschaft – ist simpel: Vielleicht ist nicht der Turm aus Zahngold, sondern der Boden der Tatsachen am wertvollsten. Denn was bleibt, sind nicht die Raritäten, sondern die Geschichten, die sich verkaufen lassen. In diesem Sinne: Verkauft euch nie unter Wert, aber fragt euch hin und wieder, was dieser Wert wirklich ist. Schließlich ist die echte Rarität im Leben immer noch eines: Ehrlichkeit.