Ach, „Alles was zählt“. Diese tägliche Achterbahnfahrt durch die emotionalen Untiefen der fiktiven Welt mit allem, was dazugehört: Liebe, Ehrgeiz und familiäre Konflikte – als ob wir nicht schon genug davon im realen Leben hätten. Trotzdem hängen wir alle an der Glotze und lauschen den dramatischen Dialogen, die unsere Welt noch bunter machen. Diese Serie ist der perfekte Spiegel unserer emotionalen Achterbahn des Alltags, in dem ein kaputter Toaster schon mal den Status einer Staatskrise erreichen kann.
Wo wären wir ohne Isabelle, Nathalie und Maximilian? Wahrscheinlich in derselben Zwickmühle, nur dass wir unsere Geschichten nicht in glamourösem Abendlicht gefilmt werden. Aber Moment mal, ist das nicht genau der Clou der Sache? Was ist dramatischer als die eigene Nachbarschaft, nur eben mit besseren Lichteffekten?
Da wir nicht alle RTL-ready sind, muss man sich damit begnügen, die künstlerischen Probleme der anderen im Fernsehen zu begutachten. Bei Joanas Turnier-Finale denkt man sich, dass eine lädierte Schulter doch eigentlich nicht so schlimm sein kann – schließlich ist sie ja der Held in der Geschichte. Genauso glaubwürdig wie der Gedanke, dass ein solidarischer Kantinenbesuch am Montagmorgen alle Kollegen zu besten Freunden macht.
Ironischerweise, während Joana und Maximilian ihre Probleme in eleganten Pirouetten umkreisen, stolpern wir im realen Leben meist über echte Stolpersteine, wie den Mangel an Fernbedienungen oder die ständige Bedrohung, dass unser Streaming-Dienst mitten in der besten Folge einfriert. Die wahre Dramatik ist, wenn jemand die Fernbedienung geklaut hat und man live erlebt, wie die zwischenmenschliche Klimakatastrophe im Wohnzimmer einbricht.
Die Serienmacher haben offensichtlich einen Coup gelandet: Sie bieten uns die Flucht an, während sie gleichzeitig unser kleines tägliches Drama imitieren – als wäre es ein gutgemeinter Ratschlag, unser Leben mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. „Ändere die Perspektive, und schon sieht ein kaputtes Küchengerät aus wie ein unüberbrückbarer Konflikt zwischen den Weltmächten“, könnte das heimliche Mantra dieser Soap sein.
Natürlich ist Medienlogik unerbittlich. Für jeden dramatischen Moment im TV gibt es tausend blasse Kopien der Wirklichkeit. Die Serie wirkt wie eine Erinnerung daran, dass das Drama nicht aufhört, wenn die Kamera ausgeht – entweder diskutiert man hitzig über die beste Neubesetzung der nächsten Staffel, oder man fragt sich, warum der Pizzalieferant noch nicht vor der Tür steht.
So eine Fernsehwelt übt zwar eine bequeme Fluchtmöglichkeit aus, macht aber doch seltsam süchtig. Die ewiggleichen Intrigenberge und emotionale Berg- und Talfahrten spielen sich in einer Endlosschleife ab. Ein vertrautes, wohltuendes Chaos, in dem alles zählt – vor allem, die Maulwürfe, die zu Elefanten werden.
Aber mal ehrlich, neben den epischen Konflikten der Daily Soaps verblasst das Drama um die nicht gelieferte Pizza doch ziemlich. Und das ist vermutlich das größte Talent dieser Serien-Wunderwerke: Sie zeigen uns, dass unsere Alltagsdramen eigentlich ein Klacks sind. Während wir tiefsinnig über Maximilians Eroberungen nachdenken, bleibt die eigene Welt stehen – bis wir merken, dass unser Kaffee leer ist und wir uns wieder unserer ganz persönlichen Seifenoper stellen müssen.
Am Ende des Tages zeigt uns „Alles was zählt“ eine knallharte Wahrheit: Wenn alles zählt, zählt letztendlich eigentlich nichts wirklich. Und so schlendern wir weiter durch die Absurditäten des Fernsehens, in der Hoffnung, dass wenigstens die Drehbuchautoren irgendwann einen Ausweg finden. Aber hey, wenn nichts anderes funktioniert, bleibt immer noch die Möglichkeit, die Steckerleiste der Realität herauszuziehen. Schließlich läuft das Drama im Free-TV weiter, ob wir wollen oder nicht. Bühne frei für die nächste Folge unseres eigenen Lebens – mit oder ohne Werbeunterbrechung.