Ach, „Euphoria“ ist zurück und versetzt uns in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Moral und Monetarisierung, Adoleszenz und Abgrund so fließend sind wie der akademische Output von Influencern. Vier Jahre sind vergangen seit der letzten Staffel. In TV-Jahren entspricht das ungefähr der Zeit, die es braucht, bis das Bild einer VHS-Kassette auf dem Sperrmüll landet. Und jetzt springen die Figuren sieben Jahre in die Zukunft – gewährt uns das den Segen, dass ihre Probleme endlich erwachsen werden? Natürlich nicht!
Da ist Cassie Howard, die nun offenbar ihre Online-Identität nicht nur entdeckt, sondern auch gewinnbringend verkauft hat. Nur im Jahr 2023 könnte man sich unterscheiden, indem man sich verwirklicht, indem man sich öffentlich preisgibt. Früher zeigten wir unsere Fotoprojekte vielleicht unseren Müttern, heute unserer „Follower-Community“. Der Unterschied? Dreißigtausend Euro im Monat, aber ansonsten käme man auf dieselbe seelische Leere.
Und was macht Rue Bennett? Sie taumelt weiterhin in dieser für Teenager eigens gebastelten Katastrophensimulation herum. Vielleicht ist die Welt, in der Rue lebt – voller Druck, Erwartungen und emotionaler Sümpfe –, gar nicht so weit von unserer entfernt. Herrlich zu sehen, wie die „Skins“-Generation nun endlich erwachsen wird, um der „Euphoria“-Generation den Staffelstab zu überreichen und gleichzeitig zu sagen: „Viel Spaß! Es wird nicht besser!“
Die Serie zeigt auf, was passiert, wenn die Unschuld von „Gossip Girl“ mit dem Schrecken von „Breaking Bad“ kollidiert. Natürlich sind Themen wie Drogenmissbrauch und toxische Beziehungen nicht neu, aber was „Euphoria“ daraus macht, ist wie ein David Lynch der Soap-Opera: verstörend, surreal, aber irgendwie auch wunderschön anzusehen. Man könnte meinen, HBO erfindet eine völlig eigene Bildersprache für großstädtische Chaos-Poesie.
Ach, und dann wäre da noch das Thema „Selbstdarstellung“. In der Serie posiert Cassie vor der Kamera, und das Internet brennt wie Neros Rom. Die Szene sorgt für Konflikte. Vielleicht sollten Bitterkeitsallergiker bei „Euphoria“ nicht einschalten – oder in den Spiegel schauen. Denn was sind all die Instagrammer, TikTokker und „Content Creators“ anderes als echte Zeitgenossen, die ihren Lebensweg durch den Schönheitssalon der öffentlichen Anerkennung twistend, um jeden Preis zu verkaufen versuchen?
Mit nostalgischem Herzen umarmen wir dennoch den banalen Trost, der mit jeder Serie einhergeht: Die Realität, live on tape. Was wie ein Infotainment-Experiment beginnt, endet meist in einer Soap-Bonanza, in der sogar die Autoren nicht mehr wissen, ob sie eine Seifenoper oder den nächsten TED-Talk schreiben.
Zum Schluss das Übliche: Ein Star geht, ein neuer kommt – in diesem Fall Rosalía, die spanische Königin der Klangvielfalt. Ob jedoch mehr Flamenco einen Unterschied macht, wenn die größte Handlungserwartung darin besteht, wie Rue es schafft, kein weiteres Mal in der Gasse zu scheitern, ist fraglich. Schließlich ist in der Welt von „Euphoria“ kein Problem so groß, dass man es nicht mit einer neuen Requisite überdecken könnte. Ein bisschen wie bei uns allen, nicht wahr?
Also am besten zurücklehnen, die Realität in voller Pracht genießen und sehen, wie sich die Jugend von ihrer besten – und ehrlichsten – Seite zeigt. Oder? Schließlich ist das, was im Leben wirklich zählt, dass der Trailer eben alles besser schneidet.