Ah, der gute alte Haftbefehl. Eine Ikone des deutschen Rap, ein Mensch, der es schafft, von den künstlerischen Höhen der Netflix-Dokumentationen direkt in die Niederungen der heimischen Türsprüng-Highlights abzutauchen. Da kommen wir gerade von einem ruhigen Familienurlaub – Dubai, Sonne, Strand und Bäume aus Gold, nehme ich an – und zu Hause erwarten uns die Polizisten mit Helm und Hund und einem ausgeprägten Interesse an Inneneinrichtung und Schubladenhistorik.
Es ist doch rührend, wie die Staatsgewalt ihre archäologischen Ambitionen an den Tag legt. Vielleicht dachten sie, sie würden auf eine untergegangene Zivilisation im Bettkasten stoßen oder das sagenumwobene Gold des besagten Rappers in der Rückwand einer Ikea-Kommode entdecken. Doch was bleibt, ist das Zerrbild von Omas Stube, in der plötzlich mehr Polizei als Eichenholz zu finden ist.
Aber werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf das große gesellschaftliche Puzzle: Deindividuelle Annahmen führen zu kollektiven Aktionismen. Die Polizei fühlt sich berufen, auf den Anruf eines Nachbarn hin gleich das volle Hollywood-Set aufzufahren. Stellt sich nur die Frage: Sind das Aktionärsmeetings in Hollywood, oder wird uns Baldrian in die Trinkwasserleitung gemischt? Die Vorstellung, hier werde in einem verstaubten Wohnzimmer der rechte Fuß von Indiana Jones’ Notizbuch nachgespielt, ist köstlich, aber irgendwo hört der Spaß doch auf, oder wie der Jurist sagt: „Der Zugangscode zur Verhältnismäßigkeit könnte mal wieder ein Update vertragen.“
Wer braucht schon Abenteuerfilme, wenn das deutsche SEK auf Streife ist. Aber was erfordert mehr Tapferkeit als ein SEK-Einsatz? Natürlich, sich völlig nackt auf einer Polizeiwache wiederzufinden, eine Episode, die wohl die dunkelsten Tage aller bekannten Dokus locker in den Schatten stellt. „Nackt und bloß“ als Gefühlszustand, eher suboptimal für den nächsten Karriere-Sprung.
Das große Hollywood-Vorbild – oder war es Wilhelm Busch? – wusste es immer: Am Ende kommt der Gendarm und nimmt den Schmuck ab. Doch all das Drama bringt doch leider niemanden zur Besinnung. Man könnte fast meinen, der polizeiliche Kalender orientiere sich am Biorhythmus eines Hooligans auf Ekstase. Wäre da nicht die lebenskluge Strategie von Haftbefehl und Nina, dem medialen Moloch dieser Geschichten keine Munition mehr zu liefern: Kein Anwalt, keine Klage, nur die stille Magie des Weitermachens. Ganz nach dem Motto: „Was uns nicht auf die Titelseiten bringt, härtet uns nur ab.“
Aber gut, was bleibt uns Normalsterblichen? Vielleicht ein köstlicher Kommentar in der Abendpost oder der gedankliche Genuss an den Irrungen und Wirrungen derer, die uns doch irgendwo, irgendwie repräsentieren sollten. Absurder als jede Dokumentation, aufregender als jeder Thriller, polizeiliche Maßnahmen in endlosem Loop, bereit für die größten Streaming-Dienste des Landes mit dem Adenauer-Marathon im Programm. Vielleicht wird es bald Zeit für eine Wette: Wie lange dauert es, bis dieses Chaos in ein eigenes Reality-TV-Format umgemünzt wird? Deutschland sucht den Super-Waffensucher.
Und doch, am Ende des Tages zeigt sich das wahre Gesicht der Versöhnlichkeit zwischen Prominenz und Alltag. Denn, wie heißt es so schön in der Welt der unermüdlichen Wortspiele: Wenn das SEK zweimal klingelt, bleibt wenigstens die Erinnerung an die guten Momente zwischen zerwühlten Bettlaken und dem Streben nach etwas, das wir früher „Privatsphäre“ nannten.
