Ach, Angeln, die edle Kunst des aufmerksamen Wartens, bei der echte Männer stundenlang am Wasser sitzen, um dann mit hochrotem Kopf zu behaupten, es sei pure Erholung. Und inmitten dieser meditativen Betätigung prallen die Wellen der Realität unaufhörlich aufeinander. Wie die großen deutschen Angel-YouTuber, die im Pazifik eigentlich große Thunfische fangen wollten, statt sich plötzlich als unerfahrene Baywatch-Darsteller wiederzufinden. Wer hätte gedacht, dass man beim Versuch, ein schuppiges Aquakostüm zu ergattern, unerwartet drei verlorene Fischer an den Haken kriegen würde?
Nun, das ist doch der wahre Plot-Twist. Der klassische Fischzug, bei dem man statt des Dinners Dramas zieht! Aber vergessen wir für einen Moment das Adrenalin des unerwarteten Abenteuers auf hoher See. Stattdessen richten wir unser Teleskop auf die absurde Eigenart der modernen Aufmerksamkeitsekonomie. Die Influencer-Jagd auf Klicks und Likes ist schließlich mindestens so turbulent wie der Ozean selbst. Nun ist der Ozean nicht nur durch Plastik verschmutzt, sondern auch durch Influencer-Aktivitäten, die ihre netzinteressanten Eskapaden als „Mission Kolumbien“ vermarkten. Doch ironischerweise scheint der Trend der Klickfloote auf mirakulöse Weise in echter Lebensrettung zu enden. Wann wird nun ein TikTok-Tanzvideo erforderlich, um sicherzustellen, dass es auch beim nächsten Mal wirklich viral geht?
Unwillkürlich stellt sich die Frage: Wollten die Jungs nicht ursprünglich Fisch zerschneiden, um dann den Fang ihres Lebens zu präsentieren? Stattdessen werden die Angelkumpanen zu selbstlosen Helden des Pazifikraqischrettungsdienstes. Welch eine ironische Brechung des Schicksalsstrangs – vom vorkameraangelnden Selbstdarsteller zum unbeabsichtigten Retter in Not. Wie sagen die Spanier so schön? „Der Mensch plant, und Gott lacht.“ Und so lachen wir gemeinsam – obwohl wir insgeheim Tränen der Rührung in unseren Augen spüren.
Und die Kalorienreichweite dieses Happenings? Weit mehr als ein fetter Thunfisch: Ein erbauliches Lehrstück frei Haus für 292.000 Zuschauer. Walter Benjamin hätte seine Freude daran, dass das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit durch einen zufälligen Rettungsversuch auf YouTube illustriert wird. Dabei machen wir uns nichts vor: Wäre alles blitzsauber inszeniert und von Michael Bay in Szene gesetzt worden, hätten die Klicks und das öffentliche Getöse noch viel intensiver Wellen geschlagen. Und ganz ehrlich – wenn die Fischerleute unsererseits ein Casting durchlaufen hätten, wäre die dramatisch bittersüße Note der Geretteten noch eindringlicher und tränenrührender gewesen.
Es ist ja so: Einzelne Schicksale in Prekärlagen interessieren im digitalen Lagerfeuerzeitalter erst, wenn sie emotional verdichtet im Stream anschwellen – nicht jedoch, wenn sie als stille Verzweiflung im stillen Wasser ertrinken. Wer wüsste besser darum als unsere erlebenden YouTuber, deren algorithmisches Dasein jetzt auf diesen prallen Geschichten hockt, als wären sie glitschige Meerestiere? Zugleich grinst das Kollektiv von Medienmacher:innen rio-illyrisch – ein wohlgeordnetes Spektakel, bei dem selbst letztere die Leinen locker lassen.
Doch lasst uns schließlich ein Hoch auf die wahre Ironie des Anglerstolzes aussprechen, die statt dem rekordverdächtigen Fang nun Menschenleben rettet. Am Ende bleibt nur noch, den Hut vor der tapferen Ozeanfahrt zu ziehen – während wir wissen, dass der wahre Haken all unserer Bestrebungen hinter der nächsten digitalen Welle auf uns wartet. Weniger Hornbach, mehr YouTube halt – in der Menschenwelt ist schließlich nichts unmöglich.
Ach ja, und während die Influencer die Küste Kolumbiens verlassen, bleibt offen, ob die Fische in den Tiefen des Pazifiks wohl ihre eigene Reality-Show planen – Titelvorschlag: „Mission Aquaristik“. Vielleicht kommen wir ja dann alle auf unsere Kosten, ohne den faden Beigeschmack von Netzwerken. Willkommen also im Seefahrtszeitalter des 21. Jahrhunderts, wo der nächste Klick den Horizont hell erleuchtet. Aber passt auf: Manchmal spielt der Pazifik eben nicht mit.
