Ach, die Supercopa! Einst ein Turnier von schillerndem Glanz und heroischen Heldentaten, wo Titanen wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi sich in epischen Duellen gegenüberstanden. Heute aber, in der Ära der Aufmerksamkeitsinflation, feiert die BILD-Zeitung es mit einer Dringlichkeit, die selbst einem Taschendiebstahl in der Fußgängerzone Ehre machen würde. Man möchte meinen, es handle sich hierbei um den Untergang der europäischen Zivilisation – oder doch nur um das Resultat eines Twitter-Hacks? Die Breaking-News-Animation: Kunstwerk oder bloß ein Symptom algorithmengesteuerter Banalität?
Manch einer fragt sich sicherlich, ob das heutige Plebiszit um die Supercopa nicht vielmehr ein Tribut an unsere kollektive Unterhaltungsblockade ist. Während Rom brennt, zupft Nero die Saiten seiner Harfe – oder, im modernen Kontext, scrollt durch seinen News-Feed. Es sind die kleinen täglichen Katastrophen der Langeweile, die da draußen geschehen, während wir uns mit einem weiteren unbedeutenden Fußballspiel ablenken. Einige mögen behaupten, wir brauchen dies als Zerstreuung; es ist ja schließlich einfacher, auf den Transfer von Sergio Ramos zu spekulieren, als über den nächsten Winter nachzudenken, in dem wir entweder Heizöl oder WiFi wählen müssen.
Doch BILD zeigt Courage: Nicht nur berichten sie über das Spiel, sie übertragen es live! Ein Wunder der modernen Technik – oder schlicht einer der vielen Tricks, das allseits flatterhafte Auge des modernen Menschen zu fangen. Wer hätte gedacht, dass eines Tages dieselbe Seite, die Paparazzi für ein Foto von Prinz Harry engagiert, jetzt als Sportkanal fungiert? Was kommt als Nächstes? BILD als offizieller Partner der UNESCO? Nachrichten auf Snapchat? Oh, Moment…
So erschaffen sich in dieser digitalen Arena die modernen Gladiatoren. Hier der Zuschauer, dem die Auswahl seiner Inhalte zwischen Hochkultur und trivialem Zeitverteib gleicht dem Angebot eines Buffets, auf dem der Toast Hawaii leider der Höhepunkt ist. Zwischen Katzenvideos und Weltpolitik taucht da nun der El Clásico auf. Man könnte argumentieren, es handle sich um ein Meisterwerk an Kraft unserer Vergnügungsgesellschaft – oder einfach nur um ein weiteres Kapitel im endlosen Buch der Medienstrategien.
Denn in dieser Welt des unablässigen medialen Trommelwirbels, in der Schlagzeilen schneller produziert werden als Amazon Prime-Pakete, ist das Spektakel unser täglich Brot. Skandälchen hier, Sensatiönchen da. Die BILD saugt aus der kargen Fruit-of-the-Loom-Tunica der Alltäglichkeit ein – wenn auch ein wenig ausgeleiertes – Leinen, das uns vorgaukelt, dass die Gewichtung zwischen News und Unterhaltungswert mathematisch bestimmt ist. Wie intelligent, dass ein Supercopa-Finale hier zur krönenden Story wird, während bedeutendere Ereignisse in der Textkörpergenetik verkümmern.
Aber verstehen wir das recht – dies ist Gesellschaft, die mit Pathos Kultur speist, und wo ironischerweise ein Finalspiel als Höhepunkt betrachtet wird, obwohl es wenige wirklich kümmert. Ein Schluss, trotz Prolog und Vorspiel bekannt, ein Skript, so berechenbar wie ein Hollywoodfilm mit garantiertem Happy End. Überraschungen sind hier keine zu erwarten, aber dafür eine ordentliche Portion Nostalgie: Jeder, der jemals ein Lied aus den 90ern bei einem Public Viewing gesungen hat, wird verstehen.
Und während wir uns fragen, ob zur Berichterstattung auch die Stoßzeiten von Flixbus zum Stadion kommentiert werden, bleiben wir doch gebannt vor dem immerwährenden Dilemma: Warum überhaupt handeln, wenn man stattdessen spekulieren und konsumieren kann, bis sogar die Popcornmaschine ihre Funktion verliert? Bleibt einem da noch was übrig zu sagen? Nur dies: Selbst ein Nougat-Wettessen gegen Paul den Oktopus verspräche mehr Überraschung.
Zumindest bleibt eine tröstliche Gewissheit: Wenn BILD es wirklich schafft, uns mit einem weiteren Fußballspiel zu bannen, dann stehen sicher bereits die halbleeren Gläser im „Breaking-News“-Studio bereit, um die nächste große Meldung, das nächste große Nichts zu feiern. Prost!
